Weinbau in der Champagne – Die Geburt des Schaumweins
Wie aus einem gefürchteten Gärfehler der moussierende Champagner wurde – von Dom Pérignon bis zum Dekret von 1728.

Das 17. Jahrhundert – Der Wein der Champagne im Wandel
Das rätselhafte Frühjahrsphänomen
Im 17. Jahrhundert plagte die Winzer der Champagne ein hartnäckiges, unverstandenes Problem. Jedes Frühjahr, wenn die Temperaturen stiegen, begann der Wein in den Fässern erneut zu gären – zu brodeln, lebendig zu werden, Blasen zu werfen.
Was heute verlockend klingt, war damals ein Zeichen des Versagens. Der Wein galt als fehlerhaft, als nicht ordentlich vergoren, als minderwertig. Die Champenois schämten sich für diesen unruhigen, prickelnden Wein – und kämpften mit allen Mitteln dagegen an.
Die Erklärung ist chemisch simpel, war damals aber völlig unverstanden. Der Wein wurde im Herbst bei kalten Temperaturen ausgebaut, bevor die Gärung vollständig abgeschlossen war. Im Winter ruhten die Hefebakterien. Im Frühling – sobald es wärmer wurde – erwachten sie wieder, vergärten den verbliebenen Restzucker und produzierten CO₂. Der Wein lebte wieder auf – und niemand wusste warum.
England – der unterschätzte Schlüssel
Paradoxerweise liegt ein entscheidender Teil dieser Geschichte nicht in Frankreich, sondern in England.
Die Engländer importierten große Mengen Champagner Wein – in Fässern, als stillen Wein. Doch anders als die Franzosen betrachteten sie das Prickeln nicht als Makel, sondern zunehmend als Reiz. Der englische Naturwissenschaftler Christopher Merret dokumentierte 1662 in einem Papier für die Royal Society erstmals wissenschaftlich den Prozess der kontrollierten zweiten Gärung durch Zuckerzusatz – ein entscheidender intellektueller Schritt.
Gleichzeitig entwickelten die Engländer durch die Verwendung von Kohle statt Holz in ihren Glasöfen ein wesentlich robusteres Flaschenglas – dunkler, dicker, druckbeständiger. Eine Technologie, die bald auch in der Champagne gefragt sein würde.
Dom Pérignon – Legende und Wahrheit
Kein Name ist so untrennbar mit dem Champagner verbunden wie Dom Pierre Pérignon (1638–1715), Kellermeister der Benediktinerabtei von Hautvillers bei Épernay.
Die Legende besagt, er habe den Champagner erfunden und beim ersten Schluck gerufen: „Brüder, kommt schnell – ich trinke Sterne!“
Die Wahrheit ist komplexer – denn Dom Pérignon kämpfte sein Leben lang darum, die zweite Gärung zu verhindern. Für ihn war das Prickeln kein Ziel, sondern ein Fehler den es zu beheben galt. 1668 wurde er von der Kirche genau mit dieser Aufgabe nach Hautvillers entsandt – die Bläschen zu eliminieren und zum stillen Wein zurückzukehren.
Seine wirklichen Leistungen lagen woanders:
Die Assemblage — Dom Pérignon war ein Pionier der Kunst, Weine aus verschiedenen Lagen und Dörfern zu verschneiden. Er verstand intuitiv, dass die Summe größer sein kann als ihre Teile – ein Grundprinzip des Champagners bis heute.
Die Kelterung — Er perfektionierte die Technik, aus schwarzen Pinot-Noir-Trauben einen möglichst hellen, klaren Saft zu gewinnen – durch sanftes, schnelles Pressen ohne Maischekontakt.
Die Qualitätskontrolle — Er etablierte strenge Standards im Keller der Abtei und machte den Wein von Hautvillers zu einem der angesehensten der Region.
Der Geschmackswandel – Paris und der Hof
Während die Produzenten das Prickeln als Problem betrachteten, entwickelte sich in Paris eine ganz andere Haltung.
Unter dem Regenten Philippe d’Orléans, der 1715 die Regentschaft für den minderjährigen Ludwig XV. übernahm, erlebte der moussierende Champagner seinen gesellschaftlichen Durchbruch. Der Regent liebte den lebendigen Wein und machte ihn zum festen Bestandteil seiner berühmten Abendgesellschaften im Palais Royal. Die französische Aristokratie folgte – und übernahm damit einen Geschmack, den die englischen Adligen bereits seit Jahrzehnten hegten.
Der Champagner wurde zum Symbol eines neuen, leichteren Lebensstils – prickelnd, festlich, anders als alles bisher Gekannte.
Das Problem des Transports
Doch so sehr der Wein am Hof geschätzt wurde – er blieb ein lokales Produkt. Der Transport in Fässern war für einen Wein mit aktiver zweiter Gärung problematisch. Der Wein veränderte sich unterwegs, verlor seinen Charakter, wurde unberechenbar. Wer den echten Champagner wollte, musste in die Region reisen oder gute Verbindungen haben.
Privilegierte – Adel, Kirche, hohe Beamte – fanden immer Wege, sich Flaschen beschaffen zu lassen. Für den regulären Handel aber fehlte die rechtliche Grundlage.
25. Mai 1728 – Das Dekret das alles veränderte
Auf Drängen der Stadtväter von Reims, die seit Jahren für eine Lockerung des Transportverbots kämpften, erließ König Ludwig XV. am 25. Mai 1728 ein königliches Dekret: Ab sofort war der Transport von Wein in Flaschen – in Körben zu je 50 bis 100 Flaschen – offiziell erlaubt.
Ein scheinbar bürokratischer Akt mit revolutionären Folgen:
Der Champagner konnte nun kontrolliert, sicher und in gleichbleibender Qualität transportiert werden. Der regionale Hofwein wurde zum exportfähigen Produkt. Und bereits 1729 – nur ein Jahr später – gründete Nicolas Ruinart in Reims das erste offizielle Champagnerhaus der Geschichte.
Das 18. Jahrhundert konnte beginnen.


